Eine Synagoge für Regensburg: meditativ und einladend!

Mindestens seit dem 10. Jahrhundert existiert in Regensburg eine jüdische Gemeinde, 981 erstmals urkundlich erwähnt. Sie ist eine der ältesten – nach Köln wohl die zweitälteste – und eine der bedeutendsten  im deutschsprachigen Raum. Besonders im 12. Jahrhundert war Regensburg Zentrum jüdischer Theologie. Die großen Gelehrten der Zeit absolvierten hier ihre Studien. Bereits 1230 hatte die Gemeinde eine Synagoge mit 300 Sitzplätzen, eine Talmudhochschule, eine Schule, ein rabbinisches Gericht sowie Gemeindehaus, Hospital, Ritualbad und Friedhof. Als Kaiser Maximilian I. im Januar 1519 starb, nutzten dies die Regensburger, zerstörten die Synagoge und vertrieben die Juden. Erst im August 1912 wurde in der Schäffnerstraße 2 – heute Am Brixener Hof – eine neue Synagoge  eingeweiht, mit 290 Plätzen für Männer und 180 für Frauen. In der „Reichskristallnacht“ am 9./10. November 1938 wurde diese Synagoge abgebrannt, die Juden auf die Straße getrieben, jüdische Geschäfte von SS, SA und NSKK demoliert und geplündert. Die jüdische Bevölkerung wurde auf den Polizeirevieren am Jakobstor und Minoritenweg gefangen gehalten. Für viele von ihnen endete der Weg in der Gaskammer eines Konzentrationslagers. Nach 1945 kamen wieder Juden nach Regensburg – zunächst als „displaced persons“ auf dem Weg nach Israel, in die USA oder andere Länder.

Später gründete sich eine kleine  Gemeinde mit ca. 100 Mitgliedern und erhielt das Gelände der ehemaligen Synagoge und das Gemeindezentrum zurück. Im letzteren  gab es einen kleinen Gebetsraum, der fortan als Synagoge diente. In den 60er Jahren errichtete die Gemeinde auf dem Gelände der früheren Synagoge einen Flachbau mit einem Saal für ca. 70 Menschen. Durch Zuzug in den letzten 20 Jahren ist die Jüdische Gemeinde stark angewachsen, inzwischen hat ihre Mitgliederzahl die 1000 überschritten. Diese Verzehnfachung der Mitgliederzahl bedeutet auch neue Herausforderungen und deshalb ist die bauliche Erneuerung des Jüdischen Zentrums eine große Aufgabe der Gegenwart. Diese Baumaßnahme muss einen markanten, in der Stadt neben Dom und Neupfarrkirche deutlich  sichtbaren Ort ergeben: Mit einer Synagoge, die der Bedeutung der jüdischen Gemeinde als einer der drei historisch bedeutsamen Religionsgemeinschaften in Regensburg entspricht.

Deshalb gründeten engagierte nicht-jüdische  Regensburger-innen 2013 den Förderverein Neue Regensburger Synagoge. Der Neubau soll in historischer Verantwortung zu einem Bürgerprojekt werden: Dass nach dem Völkermord an der jüdischen Bevölkerung wieder jüdisches Leben in die Stadt einkehrte und eine jüdische Gemeinde entstand, kann die Bürger-innen von Regensburg nach der NS- Vergangenheit nur mit Dankbarkeit erfüllen. Es waren Bürger-innen der Stadt, die 1938 die Synagoge zerstörten und zusahen, wie die jüdische Bevölkerung hinter einem Schild mit der Aufschrift „Auszug der Juden“ (ein zehnjähriger Junge musste es tragen!) durch die Stadt getrieben wurden. Bis auf wenige noch Lebende ist die heutige nichtjüdische deutsche Bevölkerung natürlich nicht schuld an dem, was geschah, aber: Wir tragen eine historische Verantwortung, die eine Verantwortung   für Gegenwart und Zukunft ist. Deshalb haben sich inzwischen über 60 nichtjüdische Frauen und Männer aus Politik, Wirtschaft, Hochschulen und der Stadtöffentlichkeit zusammengeschlossen mit dem Ziel, die Jüdische Gemeinde Regensburgs beim Neubau eines Jüdischen Zentrums mit Synagoge ideell und finanziell zu unterstützen. „Ideell“ bedeutet dabei, dass ein positives geistiges Klima in Stadt und Umland für das Projekt gefördert und antisemitische Stimmen, die ja leider nie verstummt sind, möglichst unhörbar werden sollen. Schnell war in Gesprächen mit der Stadt klar, dass es einen Architekturwettbewerb geben soll, der mit Geldern des Rotary-Club Porta Praetoria finanziert und im Frühjahr 2015 abgeschlossen werden konnte. Der überzeugendste Entwurf des Architekten Volker Staab aus Berlin gewann den 1. Preis und wird von dessen Büro meditativ und einladend umgesetzt. Der Zugang zum Jüdischen Zentrum erfolgt vom Brixener Hof her über einen kleinen Innenhof, was eine einladende Offenheit erzeugt, trotz der Sicherheitserfordernisse, wie sie leider für eine jüdische Einrichtungen in Deutschland notwendig sind. Der Innenraum ist schlicht gestaltet: Eine Synagoge für Regensburg: meditativ und einladend!

Holz, Stein und natürliches Licht wirken dort zusammen und schaffen eine meditative Stimmung. Neben der Synagoge umfasst der Neubau u. a. einen Saal, eine Bibliothek, Gruppenräume, Büros und Wohnungen für Rabbiner und Hausmeister. Über Eigenmittel verfügt die Jüdische Gemeinde aus oben angesprochenen historischen Gründen nicht, da alle Regensburger Juden deportiert, enteignet oder ermordet wurden. Eine Entschädigung für die zerstörte Synagoge wurde der Jüdischen Gemeinde vorenthalten, lediglich das „arisierte“ Gelände erhielt sie nach dem Krieg zurück. Deshalb sind jetzt Öffentliche Hand und Bürgerschaft Regensburgs gefordert. Erfreulicherweise beteiligt sich der Bund durch die Städtebauförderung am Neubau, die Stadt Regensburg übernimmt 2 Millionen und das Land Bayern trägt 50% der Altbausanierung. Insgesamt wird das Projekt mehr als 8 Millionen € kosten, was bedeutet, dass neben den genannten Fördermitteln fast 1,5 Millionen aufgebracht werden müssen: Um die Finanzierungslücke möglichst zügig zu schließen, bemüht sich der Förderverein um Spenden aus der Regensburger Bürgerschaft. Ein Großspender steuerte bereits 200 000 € bei und durch das „Baustein-Projekt“ sowie weitere Spenden, Mitgliedsbeiträge und Bußgeld-Zuweisungen kamen inzwischen schon 180 000 € zusammen. Wer 500 Euro oder mehr geben möchte wird, kann „symbolisch“ einen Baustein erwerben. Dabei sind nicht nur Einzelpersonen angesprochen, auch Vereine, Freundeskreise, Schulen oder Firmen können sich beteiligen. Zum Beispiel haben auch die Sozialen Initiativen – zweifellos nicht mit Geld gesegnet – einen Baustein erworben! Der Grundstein für das neue Jüdische Zentrum mit Synagoge wurde im Oktober 2016 gelegt, im Herbst 2017 steht das Richtfest an und 500 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge und des Jüdischen Viertels am Neupfarrplatz, also im Februar 2019, kann die Neue Synagoge voraussichtlich eingeweiht werden. Es liegt an allen Regensburger-innen, für eine friedvolle und glückliche Zukunft mit den jüdischen Bürger-innen unserer Stadt zu sorgen.
Dieter Weber

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